Taubenwallnister und Programmierer


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Ich bin viel zu faul, um mein Leben und die von mir zu erfüllenden Aufgaben selbst auszuführen. Dazu schreibe ich mir lieber kurz ein Programm und lasse die Arbeit vom Computer erledigen.

Eine der passendsten Beschreibung über Zeit- und Aufwandsersparnis durch Computerprogramme hat Douglas Adams in Die letzten ihrer Art gemacht. Ich weiß nicht warum, aber seit ich die Geschichte gelesen habe, fühle ich mich dem Taubenwallnister seelenverwandt.


Begleitet von Kiri und einem Wächter, zogen wir am Nachmittag los, um die Gegend zu erforschen. Wir fanden zwar keine Drachen, als wir uns unbekümmert durch das Unterholz schlugen, entdeckten aber statt dessen einen Vogel, der mir sofort ans Herz wuchs.

Meinen Ruf als ziemlicher Technik-Freak habe ich mir schwer erarbeitet, und ich bin selten glücklicher als an jenen Tagen, die ich von morgens bis abends damit zubringe, meinen Computer auf das automatische Erledigen einer Aufgabe zu programmieren, die mich bei eigenhändiger Ausführung gute zehn Sekunden kosten würde. Zehn Sekunden, sage ich mir, sind zehn Sekunden. Zeit ist kostbar, und die Einsparung von zehn Sekunden ist es allemal wert, einen Tag fröhlicher Aktivität auf die Suche nach ihrer Einsparungsmöglichkeit zu verwenden.

Der Vogel, auf den wir stießen, heißt Taubenwallnister und hat eine sehr ähnliche Einstellung zum Leben.

Er sieht ein bißchen aus wie ein mageres, lebhaftes Huhn, obwohl er Hühnern gegenüber den Vorteil hat - wenn auch etwas schwerfällig-, fliegen und so den Drachen besser entwischen zu können, die nur in Märchen und einigen der Alpträume fliegen können, von denen ich während meiner Schlafversuche auf Komodo heimgesucht wurde.

Entscheidend ist, daß sich der Taubenwallnister eine wundervolle Methode zur Arbeitseinsparung ausgedacht hat. Die Arbeit, die er sich ersparen möchte, ist das zeitraubende Auf-dem-Nest-Hocken und Eier-Ausbrüten, während er doch zur gleichen Zeit unterwegs sein und etwas erledigen könnte.

An dieser Stelle muß ich einräumen, daß wir genaugenommen nicht auf den Vogel selbst stießen, obwohl wir glaubten, einen durchs Unterholz abzischen gesehen zu haben. Dafür stießen wir aber auf seine arbeitsparende Erfindung, die kaum zu übersehen war. Es handelte sich um einen ungefähr einsachtzig hohen und am Fuß ebenso breiten kegelförmigen Erdwall aus dichtgepreßter Erde und verrottendem Laub. Tatsächlich war der Wall noch wesentlich höher, als er wirkte, weil er selbst in einer wiederum etwa einen Meter tiefen Mulde errichtet worden war.

Ich habe gerade eine gute Stunde damit zugebracht, an meinem Computer ein Programm zu schreiben, das mir unverzüglich das Volumen des Walls mitteilt. Das Programm ist übersichtlich und aufregend, mit allen möglichen Pop-up-Menüs und solchem Zeug, und der Vorteil meiner Arbeitsweise besteht darin, daß ich, falls ich irgendwann den Inhalt eines Taubenwallnister-Nestes ausrechnen will, nur die Grundmaße eingeben muß und von meinem Computer nach einer knappen Sekunde die Antwort erhalte, was natürlich eine wundervolle Zeitersparnis darstellt. Die Kehrseite könnte sein, daß ich wohl nie wieder in die Verlegenheit kommen werde, den Inhalt eines Taubenwallnister-Nestes ausrechnen zu wollen, aber was soll's: Der Rauminhalt dieses Walls betrug knapp sieben Kubikmeter.

Der Wall ist ein vollautomatischer Brutkasten. Die durch die chemischen Reaktionen im verrottenden Laub entstehende Hitze hält die tief im Inneren des Walls verbuddelten Eier warm - und nicht bloß einfach warm. Indem der Taubenwallnister das Material wohlüberlegt aufstockt oder reduziert, kann er genau die Temperatur einstellen, die die Eier benötigen, um angemessen vor sich hin zu brüten.

Der Taubenwallnister muß also zum Ausbrüten seiner Eier nicht mehr tun, als zweieinhalb Kubikmeter Erde auszuheben, das entstandene Loch mit zweieinhalb Kubikmetern verrotendem Laub zu füllen, weitere viereinhalb Kubikmeter Laub zu sammeln, daraus einen Wall zu bauen und die darin entstehende Hitze anschließend ständig im Auge zu behalten und herumzurennen, um hier ein bißchen was draufzulegen und dort ein bißchen was wegzunehmen.

Womit er sich die ganze Mühe erspart, ab und zu auf seinen Eiern zu hocken.

Das heiterte mich unheimlich auf und versetzte mich in eine ausgelassene Stimmung, die während des ganzen Rückwegs zum Besucherdorf anhielt, bis zu genau dem Augenblick, in dem wir die Hütte betraten, die man uns als Schlafquartier zugewiesen hatte.

Quelle: Douglas Adams, Die letzten ihrer Art


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